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alles außer Wurst

PRO

J E K

T I O

NEN

P°2

DAS DRAMA 

DER 

WOCHE

52 Dramolette

52 Grafiken

 

Neulich am Berliner Hauptbahnhof


Ein MANN verlässt mit einem schwarzen Trolly den Hauptbahnhof, wo ihn  

eine Schlange an Taxis erwartet. Der MANN geht zu dem vordersten Taxi. 

Der TAXIFAHRER wuchtet sich langsam aus seinem Auto.


TAXIFAHRER (berlinerisch):

Meester, wo soll‘s denn hinjehn?


MANN:

Saarbrücker Straße!


TAXIFAHRER (berlinerisch):

Nie jehört!


MANN:

Prenzlauer Berg


TAXIFAHRER (berlinerisch):

Wohin?


MANN:

Saarbrücker Straße!


Der TAXIFAHRER lädt den Trolly in den Kofferraum, wo schon die Einkäufe für die Woche 

liegen. 


TAXIFAHRER (berlinerisch):

Sacht mir nix!


MANN:

Saarbrücker Straße

Da ist eine alte Fabrik, eine ehemalige Brauerei. Kreative, Filmleute haben da ihre Büros.


TAXIFAHRER (berlinerisch):

Nie jehört!


MANN:

Wim Wenders!


TAXIFAHRER (berlinerisch):

Kenn ick nich!


MANN:

Gegenüber ist ein großes Bordell!


TAXIFAHRER (berlinerisch, lächelnd):

Mester, janz Berlin is een Puff!


Der Vorhang schließt sich und wird dabei von einem Leierkastenmann begleitet, der 

bekannte Berliner Melodien spielt.

 

Neulich auf dem Schreibtisch des Dichters


DER DICHTER sitzt starr vor einem leeren Blatt Papier. Davor ein großes Glas mit 

gespitzten BLEISTIFTEN.


BLEISTIFT:

Warum macht der nix?


BLEISTIFT:

Keine Ahnung!


3. BLEISTIFT:

Mir ist langweilig!

Seit Stunden sitzt er da und tut nix.


1. BLEISTIFT:

Was sagt der große Stift zum kleinen Stift?


2. BLEISTIFT und 3. BLEISTIFT (im Chor):

Keine Ahnung!


BLEISTIFT:

Wachs mal Stift!


Die STIFTE im großen Glas kichern albern.

DER DICHTER starrt in die Leere.


Beschwingt schließt sich der Vorhang.

Aus dem OFF: Das Geräusch eines elektrischen Spitzers.


Aus dem OFF: Motorengeräusche, ein plumper Aufprall, Bremsgeräusche.

Ein Auto steht. Auf dem Dach und an der Seite die Aufschrift: FAHRSCHULE.

Unter dem Auto lugen zwei Beine hervor, die nicht den Eindruck machen, dass sie noch zu 

einem menschlichen Körper gehören. Ein Bächlein aus Blut bildet langsam einen See.

Der FAHRLEHRER steht mit seinem FAHRSCHÜLER vor dem Auto und betrachtet das 

Malheur.


FAHRLEHRER (sich am Kopf kratzend):

Was habe ich Ihnen gesagt?


Der FAHRSCHÜLER zuckt unschuldig mit den Schultern.


FAHRLEHRER:

Sie sollen die Person umfahren!

Aber nicht umfahren!


DER FAHRSCHÜLER schaut ihn fragend an und zuckt unschuldig mit den Schultern.


Der Vorhang schließt sich schnell im Takt eines Blaulichtes.

Aus dem OFF: ein unschuldiges LALÜLALA, LALÜLALA, LALÜLALA.

Neulich in der Fahrschule


Eine weiße Yacht glänzt in der Sonne. 

Auf dem Deck rekeln sich lasziv zwei junge FRAUEN in Bikinis und schlürfen an ihren

eisgekühltenDrinks.

Hinter dem Steuerrad steht der KAPITÄN in Badehose und einer Kapitänsmütze auf dem Kopf.

Im Wasser schwimmen unzählige FLÜCHTLINGSLEICHEN. 

Ein Mensch, der letzte ÜBERLEBENDE, lebt und hebt mit letzter Kraft seinen Arm aus dem

Wasser.


KAPITÄN:

Was machen Sie da?

Weg da!

Sie schwimmen in meiner Fahrrinne!


Die Yacht überfährt den letzten ÜBERLEBENDEN.


KAPITÄN (zu sich):

Leute gibt‘s!

 

Der samtrote Vorhang schließt sich und verändert seine Farbe in Schamrot.

Neulich in der Küche beim Pornodreh

Neulich im Sommer auf dem Mittelmeer

 

Eine attraktive FRAU im Morgenmantel mit einem Hauch von Nichts darunter führt einen MANN

in Latzhose in die Küche. Sie werden von einem KAMERAMANN begleitet, der mit einer kleinen

Kamera jeder ihrer Bewegungen filmt.

Im Hintergrund sitzt der REGISSEUR, eine schmierige Type mit Speichel um den Mund.


MANN:

Wo soll ich das Rohr verlegen?


FRAU (lispelnd):

Da unten ist alles feucht!


MANN:

Wenn ich komme, ist immer alles feucht!


Der MANN legt sich unter die Spüle und öffnet den Siphon. Eine Menge Unrat plumpst mit

einer braunen Brühe in einen Eimer.


MANN (mit gedämpfter Stimme):

Da hat sich aber was angestaut.


FRAU (lispelnd):

Das können Sie laut sagen.

Ich weiß nur nicht wie ich Sie bezahlen soll.

Mein Mann ist in allen Dingen ein Geizkragen.


Der MANN schiebt auf dem Rücken liegend den Eimer mit der braunen Brühe und dem Unrat 

unter der Spüle zu den Füßen der Frau, die in hohen Pömps stecken.


MANN:

Schütten Sie den Mist weg. 

Und für das andere findet sich schon ein Weg.


Die FRAU leert den Eimer mit brauner Brühe und Unrat in der Spüle aus, die den MANN unter 

der Spüle mitten ins Gesicht trifft.


REGISSEUR:

AUS! AUS! AUS!


Der KAMERAMANN zuckt nur mit den Schultern.


Der Vorhang schließt sich wiegend und summt leise Je t‘aime.


Das Café ist spärlich besetzt. 

Während der DICHTER anstrengenden Blickes an seinem Stammplatz vor dem Laptop sitzt,

unterhalten sich  eine ALTE FRAU und eine JUNGE FRAU.

Die JUNGE FRAU steht auf und geht lächelnd auf den DICHTER zu.


DICHTER (aus dem OFF zu sich selbst):

Heute wird mir der große Wurf gelingen!


Die JUNGE FRAU hat den Tisch erreicht.


JUNGE FRAU (zum DICHTER):

Guten Abend!


Der DICHTER schrickt auf und schaut die JUNGE FRAU an.


DICHTER (aus dem OFF zu sich selbst):

Sie wird den Artikel gelesen haben.

Wahrscheinlich will sie ein Autogramm oder ein Buch kaufen, 

indem ich ihr eine persönliche Widmung schreiben soll.


Die JUNGE FRAU geht vorbei.


DICHTER (aus dem OFF zu sich selbst):

Immer höflich, immer nett, das schwere Los einer öffentlichen Person!


Die ALTE FRAU lächelt zum Tisch des Dichters herüber und steht auf. In der Mitte trifft sie auf

 die JUNGE FRAU, die sich zurück an den Tisch setzt.


ALTE FRAU (zum DICHTER):

Guten Abend!

 

DICHTER (aus dem OFF zu sich selbst):

Die will bestimmt auch ein Buch.


Der DICHTER kramt in seiner Tasche herum und holt zwei dünne Büchlein zum Vorschein.


Klein aber oho!


Die ALTE FRAU kommt zurück und stellt sich vor den Tisch des Dichters.


ALTE FRAU:

Darf ich Sie was fragen?


DICHTER (großmütig):

Stehe zu Diensten, Gnädigste!


Lässig schiebt er mit einer Hand eines der Büchlein an den Tischrand.


ALTE FRAU:

Auf dem Klo brennt eine Glühbirne nicht!


Der DICHTER schaut verwirrt.


ALTE FRAU:

Wenn Sie die Tagesabrechnung gemacht haben,

tauschen Sie bitte die Birne aus,

bevor noch jemand fällt!


Die ALTE FRAU dreht sich um und geht an ihren Tisch zurück.


DICHTER (aus dem OFF zu sich selbst):

Ich muss mir schnellstens ein Pseudonym zulegen!


Ruckartig schließt sich der Vorhang. Zwischen den Falten ist ein verhaltenes Lachen zu hören.

P°4

Neulich im Café des Dichters

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